Haiyti

BROTFABRIK SOMMERWIESE 2021

Haiyti
Mieses Leben
Urban

“Hände hoch, ich schieß – das hier ist ein Überfall!” Sechs Jahre, nachdem Haiyti über Nacht auf der Bildfläche aufschlug, überrumpelt die Hamburgerin die Deutschrap-Welt erneut. Ihr Überraschungsalbum “Mieses Leben” kanalisiert die Energie ihrer legendären Untergrundhymnen – mit dem Sound von übermorgen. Robbery ist back!

Es ist einer dieser Momente, die man nie vergessen wird. Geschlossene Luxusboutiquen in der Nacht. Davor performt eine Rapperin mit geklauter Schampuspulle und eiskaltem Ticker-Talk. Ihre Stimme, ihr Flow, ihre musikalischen Referenzen, all das ist neu. Die Rapperin, Haiyti aka Robbery, ist es auch: Außerhalb einer winzigen Gemeinde von Südstaatenrap-Connaisseuren und Untergrund-Nerds kennt sie niemand. Aber alle, die dieses Video sehen, die diese Energie spüren, wissen: Ab jetzt ist anders. 

Im Rückblick war “Szeneviertel” von Haiytis Debütalbum “Havarie” tatsächlich eine Zeitenwende – lange bevor Trap den Deutschrap-Mainstream vereinnahmte. Seitdem hat Haiyti nicht weniger als elf Projekte veröffentlicht, Features mit Haftbefehl oder Trettmann aufgenommen, den ECHO gewonnen. Vor allem aber hat Haiyti ihr Genre geprägt. Wer sich heute durch die Charts klickt, hört ganz viel von ihrer Wortwahl, ihrem Verständnis für Melodien, ihrem ureigenen Kosmos zwischen Unterwelt, großem Glamour und den Dämonen, die einfach nicht schweigen wollen. 

So richtig in die Szene gepasst aber hat die Hamburgerin nie. Dafür war ihre Kunst stets zu echt, ihre Persona zu komplex. Haiyti war Untergrundikone, Hype aus Versehen, Liebling des Feuilletons, Rolemodel wider Willen, letzte echte Punk, Popstar aus der Zukunft. Oft war sie alles zusammen. In ein eindeutiges Image hat sie sich nie zwängen lassen. Und wenn sie ins Studio geht, dann nicht, weil die Playlist gefüttert werden muss, sondern weil sie muss. Weil es in ihr ist. Weil es raus muss.

Ihr neues Album “Mieses Leben” ist das perfekte Beispiel für diesen Ansatz. Die 18 Songs sind aggressiv und artsy, unmittelbar und echt, impulsiv und voller Adrenalin – wie das Ergebnis einer einzigen rauschhaften Aufnahmesession. Her mit dem Beat, und dann gib ihm: Flow um Flow, Ansage um Ansage, atemlos, weil schließlich auch die längste Nacht nicht ewig dauert. Passend dazu erscheint das Album quasi aus dem Nichts, ohne große Ankündigung oder PR-Stunts. Sollen andere ihren Instagram-Fame pflegen und in seichte Shisha-Schlager ummünzen. Sollen andere die US-Hits des letzten Jahres durchhören und nachbauen lassen. Sollen andere sorgfältig ihre Vita schleifen. Haiyti hat das Leben, von dem so viele erzählen, selbst gelebt. Man vergisst ja leicht, wo sie herkommt, wenn man Zuckerschockpopsongs wie “La La Land” oder “Holt mich hier raus” hört. Aber wenn man gesehen hat, was Haiyti gesehen hat, ist vergessen einfach nicht drin.

Gleich in der ersten Zeile des Albums nimmt Haiyti daher Bezug auf ihre Vergangenheit. Konkret nennt sie ihr Debütalbum und beschreibt ihre Lebensrealität jener Zeit: mit “Cash in der Jeans” vor der Großen Freiheit und mit einem Bein in der Unfreiheit, in die dieses Leben meist führt. Als Haiyti sang “Ich will dieses Crime Life nicht mehr”, war das kein Spaß. Sie wollte da raus und rein in die Beletage des Deutschrap. Musik machen und sich nehmen, was ihr zusteht. Ihre Vergangenheit verarbeiten und Deutschrap in die Zukunft ballern. Das alles hat sie getan, auf eigene Faust und mit bleibendem Impact.

“Mieses Leben” zeigt, wie sie das geschafft hat. Auf beinahe jedem Part packt sie Flows und Reimpatterns aus, wie man sie in Deutschland noch nicht gehört hat. Die Musik bewegt sich zwischen Post-Drill und dem neuen Memphis – abgerundet mit typisch untypischen Referenzen wie dem Warehouse-Rave-Gedächtnissample auf “Freitag”. Produziert wurden diese Beats von jaynbeats, Sosa, Alexis Troy, Jush und AsadJohn, der schon Haiyti legendäres Mixtape “City Tarif” verantwortete. Den Rest besorgt Project X, das mysteriöse Producerkollektiv um Haiyti selbst. Sie hält das Album zusammen und gibt ihm seine Ästhetik: die Energie von damals mit dem Sound von übermorgen.

Die ganz großen Pop-Momente hat sich Haiyti diesmal verkniffen. Auf Songs wie “Helikopter” und “Wolken” schimmert aber – natürlich – auch ihr einzigartiges Gespür für Melodien und Harmonien durch. Es waren immer die Gegensätze, die Haiyti besonders gemacht haben. Straße und Kunst. Ignoranz und Poesie. Untergrund und Major. So verwundert es auch nicht, wenn zwischen zwei finsteren Trap-Brettern plötzlich ein Ausnahmesong wie “Toxisch” kommt, der klingt wie nichts und niemand sonst.

Das Leben ist mies, aber es gibt kein anderes. Und ob mies scheiße oder mies geil, das kann immer noch jeder selbst entscheiden. Der Soundtrack für beide Lesarten jedenfalls ist schon mal da.

Mehr Infos unter www.sommerwiese.net

13.07.21 (Di)

Beginn: 20 Uhr

Ort: Außenbereich

Tickets

Bestuhlt – freie Platzwahl: 25,45€

Veranstalter

ZOOM Frankfurt GmbH