Jürgen von der Lippe

„WIE SOLL ICH SAGEN…?“ – Viagra fürs Zwerchfell

Die leidenschaftlich offenherzige Eröffnung der neuen Lippe-Show zeigt, der Chef des
deutschen Comedy-Sprachlabors ist voller ungebremster Experimentierfreude. Von der
Startsekunde an wird das Publikum packend mit einbezogen und sofort zeitgemäß sozial
vernetzt. Für „standing ovations“ braucht er keine 5 Minuten, das ist absoluter Rekord.
Wie das geht? Wird nicht verraten!


Frosch und Bär folgen als Sympathie- und Bedeutungsträger. Wir erfahren nie geahnte
Unterscheidungsmerkmale dieser Spezies und sofort wird klar, Jürgen von der Lippe hat
sein Pointenzielfernrohr wieder auf maximale Trefferquote eingestellt. Er durchleuchtet
schmunzelmuskelaktivierend unseren Alltag, rechnet ab mit automatischen Urinalen,
Kartenzahlern, nervenden Vielrednern und tiefenpsychologischen Diätvorschlägen.
Dass der Beruf die Sprache einfärbt, und zwar schreiend bunt, erfahren wir am Beispiel
von Männern, die mit Schafen sprechen, und selbst Heidi Klums Plusquamperfekt wird
Teil der verbalen Verführungskunst des gelernten Germanisten, die uns immer wieder
zum Sorg-los-Lachen bringt. Besonders bei Miniaturen von sprachakrobatischer Wucht,
wenn z. B. der Box-Meisterrainer Uli Wegener seinen Schützling live durch die
Hochzeitsnacht coacht oder der Reisende auf die Durchsage des Flugkapitäns
hörspielpreisverdächtig antwortet, wird die Qualitäts-Comedy von der Lippes zum
Zwerchfell-Bungee fürs Publikum.


Der Meister im floralen Zauberkittel gerät nicht außer Atem, macht uns weiter bewegend
klar, dass Frauen Männer gefühlsmäßig nicht nur im Unklaren lassen, sondern im
Stockdunklen. Er verortet Reizwäsche mal anders, brilliert mit umwerfenden Erkenntnissen aus seinen Lieblingsthemen Kommunikation zwischen Männern und Frauen, Sex und Alkohol und kitzelt
die Lachmuskeln exakt dort, wo sie es am allerliebsten haben.


Unvermittelt wird der Abend zur Gameshow und schon die Suche nach Freiwilligen(!) ist
eine Mordsgaudi. Kein Wunder, ist doch der Moderator einer der begnadetsten Showmaster
Deutschlands. Fabulierungskunst-Spiele und eine Märchen-Stegreif-Impro, die meilenweit
abseits der Vorlage auf der Bühne ihren Zauber entwickelt, führen zu entgrenzender
Fröhlichkeit. Beim Melodienraten gibt Lippe den entfesselten Jazzer am Saxophon, spielt
ein derart heißes Horn, dass der ganze Saal lautstark mitsingt, bis auf die Ratekandidaten,
die – abseits der Schwarmintelligenz – bisweilen wie der Ochs’ vorm Berg stehen. Diese
Momente mögen manchem die Trauer darüber, dass man nicht selbst auf der Bühne stehen
darf, versüßen.


Nie gehört auch die Versuche, mit Hilfe einer Art Nasenscheidewand-Fagott intonierte Hits
diverser Genres zu erraten. Wer da lieber kneift als bläst, darf wahlweise Porno-Filmtiteln
oder Zungenbrechern über eine – gefühlt meterhohe – Sprachbarriere hinweg helfen.
Spätestens jetzt haben alle Dämme die Sollbruchstelle erreicht.
Die Lieder des genialen Musikusses sind wieder bewegend, saukomisch und
gänsehautgenerierend. Der Berliner Bariton mit whiskyweichem Timbre und sirenesk
säuselnden Obertönen greift in den gespannten Darm und zupft uns an der Seele. Beim
hymnenverdächtigen Song auf das Alter: Ich hab ja jetzt die Zeit, wie beim klitzekleinen
Briefroman-Lied, das so hauchzart daherkommt und ausgesprochen krass endet, wird
deutlich, dass er – auch nach 40 Jahren – immer noch Ohrwürmer kann.
Eine wohlklingende Getränke-Weltreise endet in der weltbesten Bierbestellung. Biernamen
sollten einsilbig sein! Häuptling „Schwere Zunge“ erklärt, warum.
Natürlich gibt es für eingefleischte Lippe-Fans ein VIP-Potpourri mit alten Freunden:
Lindenberg, Maffay und Grönemeyer, das die Verkehrssicherheit zum Thema hat, und -
nigelnagelneu dabei – Howard Carpendale singt Sozial-Folklore mit Widerhaken.
Für Hungrige gibt’s auch noch Gender-Grillen, für Heimwerker den geschäftstüchtigen Sex-
Klempner aus Grevenbroich (!) und für Hardrocker Jürgens Lieblings-Ikone Kalle. Der teilt als
Kummerkasten-Kalle lebensecht gegerbte Soforthilfen für die Geschlechtsgenossen aus.
Frauen aufgemerkt! Hier erfährt man endlich, mit welchen Problemen sich die Kerle unter
sich so rumschlagen.


Spitze Begeisterungsschreie begleiten den Auftritt von „Opi“. Das alte Schlitzohr ist wieder
kriminell und sexuell unterwegs – in seiner Phantasie – und gibt verblüffende Einblicke in die
theatralische Ausnahmebegabung Jürgen von der Lippes im Charakterfach „elder charming
boy:“ Der macht glatt aus einem Furz ein Geiseldrama und aus einer Fahrstuhlfahrt ein
Speed-Dating.


Jürgen von der Lippes Erlebniswelt ist wieder jeden einzelnen Cent wert. Sein 100 %ig
wirksamer, lachnervenzerfetzender „Sorgenmalverpissen-Geist“ hat nachhaltig positive
Wirkung über den Abend hinaus. Der heilt nämlich Begriffsstutzigkeit, weckt
Erleuchtungspotentiale und erweist sich als überaus befriedigender Comedylingus.

11.03.17 (Sa)

Beginn: 20 Uhr

Tickets

Sitzplatz PK 1: 43,55 €

Sitzplatz PK 2: 39,85 €

Sitzplatz PK 3: 36,10 €

Sitzplatz PK 4: 32,45 €

Sitzplatz PK 5: 29,95

Veranstalter

Roth & Friends