Bon Iver

VVK Start am 14.09.16

Über all die Jahre habe ich viele Leute in verschiedenen Teilen der Welt getroffen, die von Bon
Iver verzaubert worden waren. Zweifellos war es aufregend, das mitzubekommen, aber es hatte
bisweilen auch etwas Seltsames. Vielleicht hat das etwas mit dem breit gestreuten Offenlegen
unserer Lebensgeschichten zu tun, diesem Bündnis von Freunden.

Justin wuchs das alles über den Kopf. Irgendetwas war in diesem verrückten Tohuwabohu der
hinter ihm liegenden Jahre auf der Strecke geblieben. Die Musik schien ihm nichts mehr zu
geben. Die Beschleunigung, die ständigen Wiederholungen und das Ausgeliefertsein hatten den
so begehrten Traum in etwas verwandelt, das sich wie ein verblödender Vergnügungspark
ausnahm. Was sollte das alles? Was versuchen wir hier eigentlich zu erreichen?

Diese unglaublichen Turbulenzen, die er nach diesen Alben durchlebt hat, lösten einen inneren
Sturm aus, jagten ihm förmlich eine nahezu pathologische Angst ein. Wie hätte es auch anders
sein können. Der Traum war jetzt kaum mehr zu steuern. Die Krise spitzte sich an einem
einsamen Strand am Atlantik zu. Ich wurde Zeuge, wie mir mein bester Freund weinend in den
Armen lag, vollkommen verloren in einer Welt, die er nicht verstand und die ihn zu zerreißen
drohte. Justin konnte kaum mehr sprechen. Wenige Tage später nahm er, nach einem
missratenen Trip auf eine Insel vor Griechenland, die ersten Zeilen von „22, A Million“ auf einem
Diktiergerät auf: „It might be over soon“. Diese Prognose, mit der das neue Unterfangen von Bon
Iver beginnt, erinnert uns daran, wie fragil unsere Existenz ist. Warum muss sich, obwohl alles
um einen herum stabil erscheint, alles auflösen und einem durch die Finger rinnen? Wie können
wir an dem festhalten, was uns wichtig ist? Welchen Sinn ergeben Ereignisse, die uns förmlich
zerreißen? Welche Wahl haben wir und wie entscheiden wir uns richtig? Es war der erste Versuch,
den immensen inneren Knoten zu lösen. Wenn man mit seinen Dämonen konfrontiert wird,
muss man sich den Spiegel vorhalten, um die andere Seite zu erkennen. Für Justin führt dieser
Schritt zur 22.

22 ist Justin‘s Zahl. Eine Zahl, die so oft in seinem Leben aufgetaucht ist, dass sie ein
bedeutsames Muster ergeben hat, das ihm immer wieder begegnet ist und in dem er sich
erkannt hat. Eine Zahl auf einem Meilenstein, auf einem Trikot, auf einer Rechnung. Die
Spiegelung der „2“ bringt seine in der Dualität verhaftete Identität zum Ausdruck: die Beziehung
zu sich selbst und die Beziehung zum Rest der Welt. A Million steht für den Rest der Welt, für die
Millionen von Menschen, die wir nie kennenlernen werden, die unendlichen und endlosen, alle,
die außerhalb von dir stehen und die dich doch definieren. Diese andere Seite von Justin‘s
Dualität ist das, was ihn erst vollkommen macht und nach dem er sucht. „22, A Million“ ist daher
zum Teil eine Liebeserklärung, zum Teil eine lang ersehnte Oase nach einer zwei Jahrzehnte
währenden Suche nach sich selbst, die fast religiöse Formen angenommen hatte. Und die
Erkenntnis, dass diese Suche vielleicht vergeblich ist. Wenn Justin „I’m still standing in the need of
prayer” singt, fragt er geradezu flehend, wer oder was es wert ist, angebetet zu werden, was
überhaupt noch anbetungswürdig ist. Wenn Musik eine heilige Form ist, etwas zu entdecken, zu
wissen und zu sein, dann sind Bon Iver‘s Alben Totems jenes Glaubens.

Die zehn Songs auf „22, A Million“ sind eine Sammlung heiliger Momente, die Qualen und das
Seelenheil der Liebe, die Zusammenhänge starker Erinnerungen, Zeichen, in die man eine
Bedeutung hineininterpretieren oder sie als Koinzidenz abtun kann. Wenn Bon Iver‘s Album „Bon
Iver“ ein Biotop ist, das in physischen Räumen verwurzelt ist, dann löst sich „22, A Million“ von
dieser Verhaftung an einem bestimmten Ort ab. „Ich ziehe viel mehr einen ganz anderen Ort in
Betracht – unsere Freundschaften und Verbindungen zu anderen Menschen.“ Justin macht dies in
Sekunde 33 von „GOD“ noch einmal deutlich: „These will just be places to me now”.

All diese Worte offenbaren die Rätselhaftigkeit von Dualitäten: Schmerz und Liebe, Leiden und
Erlösung, Omen und Zufall. Diese Ambiguität und die Interpretation bilden den Kern von Justin‘s
schöpferischen Songtexten: Es gibt immer zwei Arten die Dinge zu betrachten. Hinter diesem
daoistischen Impressionismus spüren wir die Schritte seines Weges, der Beziehungen, die dieses
Album geprägt haben. Die Freunde, die sich in verschiedenen Rollen der Realisierung dieser
Musik gewidmet haben, steuerten gegen, hatten stets offene Ohren und zeigten großes
Verständnis.

Auch wenn „22, A Million“ aus dem aufwühlenden Kontext eines Wandels in Justin‘s jüngster Zeit
entstanden ist, basiert es doch darauf, wie wir Musik stets empfunden haben und was Musik
bewirken und auslösen kann. Es geht nicht um die nachvollziehbare Macht des Geldes oder um
Ruhm, der den Lebensweg entscheidend verändert, es geht vielmehr um Mitgefühl. Musik
eröffnet uns einen Weg, der es uns ermöglicht, uns selbst und den Menschen um uns herum
besser zuzuhören. Sie ist ein Weg, um zu verstehen, dass Aktivität Wandel in Echtzeit erzeugt.
Musik ist, selbst in seinen intimsten Momenten, ein Verbindungsweg zwischen uns allen. Sie ist
die praktische Grundlage für Menschlichkeit und das Menschsein insgesamt. Sie ist zwischen
Menschen etwas Heiliges und bewirkt im Gegenzug, dass Beziehungen durch sie heilig werden.
Sie ist die lebensfrohe Substanz, nach der wir greifen, wenn uns das Wasser über den Kopf steigt.
Die Antwort lag eigentlich schon immer auf der Hand: Musik und nichts anderes, jederzeit.

24.01.17 (Di)

Beginn: 20 Uhr

Ort: Kuppelsaal

Tickets

Stehplatz: 47,25 €

Veranstalter

Konzertbüro Schoneberg GmbH